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27. Dezember 2020

Wie wir zu Dämonen und Hexen wurden

Jedes der Vereinsmitglieder verbindet eine ganz eigene Geschichte mit den Perchten. Drei von ihnen erzählen.

Quirin, 30, Percht und Krampus

Ich bin sehr früh – durch meine Wurzeln in der Steiermark – mit dem Kramperl-Brauchtum in Berührung gekommen. Als Kind durchaus noch ängstlich vor dem teuflischen Begleitern des Nikolaus wurde man als Jugendlicher aufmüpfig und frech gegenüber den Kramperln, um sie zu tratzen und ihren Zorn auf sich zu ziehen, um schlussendlich davon zu laufen und ihnen zu zeigen, dass man keine Angst hat. Unter den Heranwachsenden gilt dies auch heut noch als Mutprobe und wird mit Striemen durch die Birkenrute bestraft.

Mich faszinierten früh die alten Geschichten, die bereits in Omas Kuchl erzählt wurden. Unter den vielen alten Erzählungen taucht auch die Habergoaß auf, die mich persönlich am meisten beeindruckt. Eine Schreckgestalt, die einer Ziege ähnelt, meckert wie eine, lacht wie ein Kobold und ruft wie eine Unke. Der Sage nach ist sie der „Begleiter“ der Perchten und übertrifft sie um Weiten in deren Stärken. Wenn man sie rufen hört wie einen Kauz, sollte man sich in Acht nehmen, denn dann sei der Tod nicht weit, so heißt es in den alten Überlieferungen und Sagen.

Seit November 2017 schlüpfe ich nun selbst bei den Brucker Perchten & Rauhnachtsgsindl in eine solche Rolle als Percht und Krampus. Zwei handgeschnitzte Masken aus Holz, so genannte Loavn, gehören zu meinem Repertoire. Zusammen mit unserem Schnitzer und meinen Ideen entstanden aus zwei Stück Weymouth-Kiefer die individuell angefertigten Masken: die Kramperl Loave mit zwei Gamshörnern und die Perchten Loave mit vier Bockhörnern. Mein Gewand ist ebenfalls handgemacht: Jacke und Hose – hergestellt aus Ziegenfell, Jak und Rosshaar – komplettieren zusammen mit einen großen Schellengurt meine finstere Erscheinung.

Nach den Auftritten komme ich gerne mit den Besuchern unserer Veranstaltung ins Gespräch. Ich lebe diesen alten Brauch und gebe ihn gerne weiter.

Aline, 49, Percht

Zu den Perchten kam ich über meine Liebe zu Japan. Dort, genauer gesagt in Akita, eine Präfektur ganz im Norden der Insel, gibt es die „Namahage“. Ein Namahage ist nichts anderes als ein Krampus! Es hat mich fasziniert, dass die Menschen fast überall auf der Welt an die Naturgeister glaubten und sie auch ähnlich darstellen. Selbst die Auffassung der Namahage sind fast dieselben der eines Krampus‘. Die tüchtigen Kinder werden gelobt und die faulen werden bestraft und erschreckt. Dafür tragen die Namahage ebenfalls eine Maske, sie sind in Stroh eingewickelt und haben anstelle einer Rute ein Messer aus Pappe bei sich, wenn sie von Haus zu Haus gehen.

Beim Krampus-Lauf in München war ich dann so begeistert, dass ich zu den Räumen lief in denen die Krampusse und Perchten verschwanden, nur um zu schauen, wer sich hinter diesen Masken verbirgt. In derselben Nacht noch ging ich auf die Suche nach einem passenden Verein für mich und landete schließlich bei den Brucker Perchten.

Wenn ich in meine Loavn und mein Fell schlüpfe, dann fühle ich mich wie ein kleiner frecher Percht. Oft sind die Zuschauer erstaunt, wenn wir die Masken abnehmen und eine Frau darunter zum Vorschein kommt. Ich versuch immer auch ohne Maske die Kinder wieder zu finden, die ich erschreckt habe, damit ich ihnen zeigen kann, dass sie keine Angst haben müssen. Gerade die Kinder sind sehr begeistert und wollen meist auch die Loavn probieren. Das Glitzern in den Augen ist es einfach wert, ein Percht zu sein.

Carola, 30, Hexe

Die Faszination hatte mich schon 2015 beim Krampus-Lauf in München komplett gepackt. Doch erst ein Zeitungsartikel brachte mich dann 2017 zu den Brucker Perchten, zunächst als Helfer. Aber es stand für mich schnell fest, dass ich eine Hexe sein wollte. Ohne mir Gedanken zu machen, wie es ist, eine Maske aufzuhaben, ging es dann zu unserem Schnitzer nach Berchtesgaden. Dort wurde der Kopf vermessen und ein wenig besprochen, wie die Maske aussehen sollte – rote Haare sollten es für mich sein. Allerdings mussten wir uns erstmal gedulden, bis die Maske fertig geschnitzt wird.

Im Oktober 2018 durfte ich meine Maske endlich abholen. Ich war so aufgeregt und gespannt, wie die Maske umgesetzt worden war. Und tatsächlich konnte ich mich sofort in meiner Maske wiedererkennen. Auch die rot-bräunlichen Haare kamen super an. Als ich die Maske dann aber zum ersten Mal aufsetzen durfte, die erschreckende Erkenntnis: „Oje, ich sehe ja gar nichts.“

Ab dann hieß es üben, üben und nochmals üben. Die erste Zeit bin ich mit der Maske durch die Wohnung gegangen, um mich an den Tunnelblick und an den Abstand zu gewöhnen. Außerdem probten wir jede Woche unseren Auftritt – ohne Zuschauer lief es schon recht gut.

Vor meinem ersten Auftritt war ich dann natürlich aufgeregt. „Wie kommt die neue Maske an und hoffentlich steig ich keinen auf die Füße!“, und noch so ein paar Gedanken sind mir durch den Kopf geschossen. Als es dann aber los ging, habe ich mich einfach mitreißen lassen von der Stimmung und den Leuten und hab mir gar nicht mehr so viele Gedanken gemacht. Nach jedem Auftritt wurde ich ein wenig sicherer und treibe seitdem als „rote Hexe“ mein Unwesen.